Bericht einer Alltagsbegleiterin

"Ja gut, ich mach's. Tschüß, bis dann."
Ich lege den Telefonhörer auf und bleibe erst einmal in einem Gefühlswirrwarr aus Spannung, Freude und Befürchtungen sitzen. Am Telefon war Wolfgang Stich von der "Klause". Die Woche zuvor hatte ich dort die Ausbildung zur ehrenamtlichen Mitarbeiterin abgeschlossen und mich in einem Selbsterfahrungswochenende und 10 Gruppenabenden darauf vorbereitet, Menschen in schwierigen Lebenssituationen und Krisen zu begleiten. Und jetzt war es tatsächlich soweit. Fragen über Fragen schossen mir durch den Kopf: 'Werde ich das schaffen?', 'Was wird mich wohl erwarten?', 'Hoffentlich mache ich nichts verkehrt?', 'Ob der Erstkontakt auch so klappt, wie wir das im Rollenspiel geübt haben?'...

An diesen Moment des Beginns meiner ehrenamtlichen Tätigkeit kann ich mich noch ganz genau erinnern obwohl er jetzt schon fast zwei Jahre zurückliegt. Seit dieser Zeit treffe ich mich regelmäßig wöchentlich mit Britta Z., einer 35 jährigen Frau, die von sich selbst sagt, sie hätte Schwierigkeiten, engere Beziehungen einzugehen und aufrecht zu erhalten, die oftmals wenig Sinn im Weiterleben sieht und für die das Leben häufig vorwiegend aus Anstrengungen, Leid und Trostlosigkeit besteht. Britta Z. hat mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken und mehrere ambulante Therapien aufgrund von Anorexie und Suizidversuchen hinter sich. Auch kurze Zeit nach unserem ersten Kontakt, in dem wir uns austauschten, was wir beide von künftigen Treffen erwarten, uns wünschen und einbringen wollen, wurde ihr vom behandelnden Psychiater ein stationärer Aufenthalt in einer psychotherapeutischen Reha-Klinik nahegelegt.

Während dieser Zeit (ca. 1/2 Jahr) verabredeten wir uns zu 1-2 stündigen Spaziergängen bei denen unsere Lebensgeschichte, die momentane Lebenssituation, aktuelle Alltagsereignisse oder allgemeine Einstellungen und Haltungen Thema von Gesprächen waren. Der zeitliche und inhaltliche Schwerpunkt lag dabei bei Britta, wobei ihr aber unser zwischenmenschlicher Austausch ganz wichtig war. Sie betonte immer wieder, wie wichtig es für sie ist, mich dadurch greifbar zu erleben, dass ich Stellung beziehe oder eigene Ansichten zur Diskussion stelle und dadurch als Person wahrnehmbar werde. Neben den Gesprächen und Spaziergängen ist es besonders nach Brittas Klinikzeit immer wichtiger geworden, gemeinsam auch Freizeitaktivitäten zu unternehmen. So gehen wir beispielsweise ins Kino, ins Theater, in eine Kneipe und machen Spiel- oder Vorlese-Abende, bei denen nicht immer nur Probleme und Schwierigkeiten im Mittelpunkt stehen sondern einfach nur geschwätzt und getratscht wird.

Meiner Meinung nach bietet gerade die ehrenamtliche Begleitung Menschen, die hauptsächlich Kontakte zu TherapeutInnen und MitpatientInnen aber weniger andere soziale Kontakte haben, eine Möglichkeit, solche Erfahrungen zu machen.

So war unsere Begleitung von Anfang an wesentlich durch eine freundschaftliche Beziehungskomponente geprägt, was, wie ich in den vierzehntägigen Supervisionsabenden in der Ehrenamtlichen-Gruppe erfahren habe, nicht immer so ist. Diese Treffen wurden für mich besonders in den Zeiten sehr wichtig, in denen das Thema Suizid nicht mehr nur als frühere Erfahrung oder abstrakte theoretische Möglichkeit, sondern als ganz konkreter Gedanke und Wunsch von Britta in unseren Gesprächen deutlich wurde. Für mich war es deshalb unbedingt nötig, meine aufkommende Angst, Sorge und Wut zu besprechen und mich und mein Verhalten in irgendeiner Form "abzusichern", indem es von anderen mitgetragen wird. Dadurch konnte ich auch immer wieder etwas Abstand bekommen.

Zwei solcher "kritischen Phasen" hat Britta während unserer Begleitung bisher erlebt und auch mir gingen diese Zeiten nahe. Und obwohl ich mir sicher bin, dass neue Krisen kommen werden, hat gerade ihr Durchstehen und Überwinden mir - und ich denke auch Britta - Lust und Kraft gegeben, mit dem Leben und der ehrenamtlichen Begleitung noch eine Weile weiterzumachen.

Auszug aus dem Jahresbericht 1996