Interview mit einem Alltagsbegleiter

Lothar, was hat Dich dazu bewegt ehrenamtlich tätig zu werden?

Also, der eigentliche Hauptantrieb liegt in meiner Lebensgeschichte. Ich bin Alkoholiker, seit 10 Jahren "trocken", aber trotzdem definiere ich mich selbst als lebenslangen Alkoholiker. Insofern bin ich ständig bemüht, an mir zu arbeiten und versuche mich konstant, mit mir auseinanderzusetzen, um ablaufende Mechanismen besser zu begreifen. Meine Vorstellung war zunächst, mich in einem Ehrenamt mit alkoholabhängigen Menschen zu beschäftigen. Zum einen, weil ich es für sinnvoll halte, in diese Tätigkeit eigene Erfahrungen einbringen zu können, zum anderen, weil ich hoffte, über diese Tätigkeit Konfrontation mit mir selbst zu finden.

Wie kam es dann, dass Du Dich für eine ehrenamtliche Mitarbeit in einer Beratungsstelle für Suizidgefährdete und Menschen in Lebenskrisen entschieden hast?

Bei mir war der Wunsch sehr stark, anderen Menschen, die sich in Krisensituationen befinden, zu unterstützen. Und so gesehen, ist das ja auch kein Widerspruch, denn ich befand mich durch meine Abhängigkeit auch in einer Lebenskrise. Ich überlegte mir damals, entweder bringe ich mich um oder höre ich auf zu trinken. Jedenfalls habe ich in dieser Situation erfahren, wie hilfreich der Kontakt zu Menschen in solchen Lebenssituationen sein kann. Ich habe dann zufällig von einer hauptamtlichen Mitarbeiterin der Beratungsstelle von der Ehrenamtsausbildung in der Klause erfahren und mich dafür beworben.

Wie erging es Dir in der Ausbildung, besonders auch mit dem Thema Suizid, das ja nach wie vor zu den gesellschaftlichen Tabuthemen zählt?

Für mich war die Teilnahme an einer Gruppe, das Dazugehören zu einer Gruppe, eine völlig neue Erfahrung. Weil ich vorher noch nie einer Gruppe angehört hatte, fiel es mir zunächst schwer, mich auf so etwas einzulassen und mich zu öffnen. Mit der Zeit entdeckte ich dann, wie wichtig mir die Gruppe ist. Ich gehe nach unseren zweiwöchigen Gruppenabenden jedesmal richtig "aufgetankt" nach Hause. Außerdem regen mich die Fallbesprechungen auch dazu an, mich mit mir intensiv auseinanderzusetzen und davon profitiere ich persönlich enorm.

Mit dem Thema Suizid hatte ich zunächst Berührungsängste. Hilfreich war für mich meine eigene Krisenerfahrung, in der ich auch Suizidphantasien hatte und die ja bei vielen Menschen mit zum Leben gehören. Außerdem halfen mir die Gespräche in der Gruppe, meine Ängste vor diesem Thema abzubauen. Auch der Umgang mit den Menschen, die ich bisher begleitet habe, hat zu größerem Verständnis beigetragen.

Wie ergeht es Dir denn im Kontakt mit den Menschen, die Du begleitest?

Vor meiner ersten Begleitung war ich unsicher und hatte Ängste zu überwinden, wie übrigens die meisten von uns. Meine größte Furcht war, wie ich, selbst ein Mensch mit Problemen, es überhaupt schaffen kann, anderen Menschen zu helfen. Ich habe mich gefragt, ob ich genügend Energie und Kraft dafür habe, ob ich mich überhaupt einlassen kann. Mit der Zeit habe ich dann festgestellt, dass mir gerade meine eigene Krisenerfahrung im Kontakt mit den Menschen, die ich begleite, hilft. Ich kann mich meist gut in deren belastende Situationen hineinversetzen und nachvollziehen, warum Situationen ausweglos erscheinen können.

Was magst Du besonders an der ehrenamtlichen Tätigkeit?

Der intensive Kontakt zu einem Menschen, der in der Alltagsbegleitung entstehen kann, reizt mich besonders. Eine Beziehung zu einem Menschen, der sich in einer Krisensituation befindet, aufzubauen, ist gar nicht so einfach. Und wenn das dann gelingt und ich gleichzeitig noch spüre, dass das jemandem gut tut und hilfreich ist, finde ich das sehr befriedigend. Es ist für mich auch nicht so, dass nur die Menschen, die ich begleite, profitieren - sondern ich profitiere auch davon. Die Gespräche und genauso der Kontakt zur Gruppe geben mir viel Power. Außerdem ist diese Arbeit für mich auch eine Herausforderung. Sie hält mich auf Trab und stellt für mich einen Ausgleich zu meinem Beruf dar, in dem ich vorwiegend mit Maschinen und Gegenständen arbeite. In der ehrenamtlichen Tätigkeit habe ich mit Menschen zu tun.

Gibt es Situationen, in denen Du an Deine Grenzen kommst?

Ja, durchaus. Und zwar dann, wenn es mir nicht oder kaum gelingt, die Probleme eines Menschen, den ich begleite, nachzuvollziehen. In solchen Situationen ist die Gruppe dann besonders wichtig für mich. Außerdem frustriert es mich auch sehr, wenn ein Mensch, den ich begleite, ohne Angabe von Gründen, ohne irgendwelche Rückmeldung, den Kontakt abbricht. Da zweifle ich dann schon an mir und am Sinn des ganzen. Gleichzeitig steigt dann aber auch Ärger hoch - ich stelle meine Freizeit zur Verfügung, warte in der "Klause", hocke rum und werde einfach sitzen gelassen. Frustriert bin ich immer wieder auch dann, wenn ich das Gefühl habe, dass bei mir Kapazitäten brach liegen, und gleichzeitig niemanden habe, den ich begleiten könnte. Aber diese Dinge kann ich in der Gruppe ansprechen und vieles kann dann dort geklärt werden.

Lothar, wir bedanken uns für das Gespräch!

Auszug aus dem Jahresbericht 1995