Interview mit einer Peerberaterin

Christine, du bist eine „alte“, erfahrene Peerberaterin bei [U25]. Wie alt warst, als Du die Ausbildung zur Peerberaterin begonnen hast und wie lange ist das her?

Als ich mit der Ausbildung zur Peerberaterin begonnen habe, war ich 16 Jahre alt. Das ist jetzt über vier Jahr her.

Interview mit einer Peerberaterin

Christine, du bist eine „alte“, erfahrene Peerberaterin bei [U25]. Wie alt warst, als Du die Ausbildung zur Peerberaterin begonnen hast und wie lange ist das her?

Als ich mit der Ausbildung zur Peerberaterin begonnen habe, war ich 16 Jahre alt. Das ist jetzt über vier Jahr her.

Wie bist Du überhaupt auf diese Idee gekommen?

Damals in der elften Klasse des sozialpädagogischen Gymnasiums mussten wir uns eine Praktikumsstelle für ein ganzes Jahr suchen. Es war so gedacht, dass wir ein Jahr lang ein Mal die Woche in eine soziale Einrichtung gehen sollten. Unser Psychologie- und Sozialpädagogiklehrer stellte uns den Arbeitskreis Leben und das Projekt [U25] vor. Daraufhin haben sich drei Mitschülerinnen und ich im AKL für die Ausbildung zum ehrenamtlichen Peerberater beworben. Durch kirchliche Jugendarbeit und der Leitung von Sportgruppen hatte ich schon davor Interesse anderen Jugendlichen in schweren Situationen zu helfen.

Hattest Du Befürchtungen, dem Thema bzw. den Anforderungen nicht gewachsen zu sein?

Anfangs in der Ausbildung hatte ich Ängste vor allem suizidalen Jugendlichen nicht weiterhelfen zu können oder etwas falsch zu machen und somit die Situation des Klienten zu verschlimmern. Jedoch während der Ausbildung, vielen Übungen und der intensiven Auseinandersetzung mit den Themen „Suizidalität und Krisen“ habe ich immer mehr Sicherheit im Umgang mit Helpmails bekommen. Manchmal vergleiche ich das Beantworten von Helpmails auch mit Marathonlaufen. Man kann nicht gleich eine große Distanz zurücklegen ohne davor trainiert zu haben. Beim Lauftraining ist es wichtig, dass man immer wieder motiviert anfängt und auch unterstützt wird. Es kann sein, dass man stürzt oder eine Pause braucht. Am Anfang unsere Ausbildung zum Peerberater haben wir sehr viel „trainiert“. Wir haben unsere Arbeit immer wieder reflektiert und optimiert. Wir haben viel über eigene Krisen nachgedacht und haben darüber gesprochen. Außerdem habe ich mich immer sehr gut von den Hauptamtlichen betreut und unterstützt gefühlt. Bei Problemen oder Fragen hatte ich so immer die Unterstützung meines Teams und der Hauptamtlichen.

Wie haben damals deine Eltern und Freunde reagiert, als sie davon erfuhren, dass Du suizidgefährdete junge Menschen begleiten willst?

Meine Eltern hatten Anfangs Sorgen, dass ich mich überfordere und mit dem Thema nicht zurecht komme. Aber relativ bald konnte ich ihnen zeigen, dass ich gut unterstützt werde und wir uns sehr einfühlsam und vorsichtig den Themen näherten. Die meisten meiner Freunde unterstützen mich in dem was ich tat und fanden es toll. Auch war ich somit ein Ansprechpartner in schweren Situationen. Bald lernte ich jedoch, dass Mail- Beratung und face-to-face- Beratung mit Bekannten etwas ganz unterschiedliches ist. Ich musste dann erst lernen, dass ich nicht jedem helfen kann und vor allem nicht alleine. Mittlerweile klappt es sehr gut, dass wenn sich jemand an mich wendet, ich den Personen sage wo sie Hilfe bekommen können, aber nicht ich selbst helfen kann.

Kannst Du uns erklären, warum du immer noch bei [U25] bist? Worin siehst Du die hauptsächliche Belastung bei der Peerberatung für Dich?

Es ist sehr schön zu sehen, wie junge Menschen sich durch [U25] angesprochen fühlen und uns, den Beratern, Vertrauen schenken. Jedes Mal ist es ein großer Erfolg, wenn man eine positive Rückmeldung bekommt oder sich ein Klient gegen den Tod und für das Leben entscheidet. Solche Momente ermöglichen es, dass man oft viel Kraft und Zeit in die ehrenamtliche Arbeit steckt und motivieren zum weiterarbeiten. Nichts desto trotz gibt es auch die Schattenseiten. Man muss lernen damit zurechtzukommen, wenn sich ein suizidaler Klient nicht mehr meldet. Man muss es akzeptieren, dass der Kontakt beendet ist und man in Ungewissheit steht, ob der Hilfesuchende noch am Leben ist oder nicht. Auch wenn es hart klingt, kommt man meistens damit zurecht, denn durch die anonyme Beratung gelingt es eher professioneller zu bleiben und Distanz zu bewahren, wie im Alltag. Im Team bespricht man dann solch einen Vorfall und beendet den Kontakt mit der Annahme, dass es auch sein könnte, dass die Person in einer Klinik ist, es ihr besser geht oder sie sich möglicherweise das Leben genommen hat. Auch solche Momente gehören dazu. In jeder Situation ist die Beratung offen und freiwillig. Der Klient kann selbstbestimmt entscheiden welchen Weg er wählt.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich durch [U25] so viel gelernt habe und in den letzten Jahren verschiedene, aber hauptsächlich gute Erfahrungen gewinnen durfte.

Worin siehst Du den Nutzen für Dich?

Wie oben schon erwähnt, habe ich sehr viel Erfahrung sammeln dürfen und mein Studium war somit auch immer sehr viel praxisnaher. Ich habe außerdem viel über mich gelernt und wie man andere Menschen begleiten kann. Schön war es für mich zu sehen, dass Klienten meist ihren eigenen Weg finden und ihre Krisen bewältigen können, wenn man ihnen nur zuhört, Wege aufzeigt und sie unterstützt.

Um das Zitat von Jean Paul aufzugreifen, möchte ich betonen wie wichtig ein sicheres, liebevolles Umfeld sein kann. Nicht zuletzt kann vor allem das uns sehr viel Halt geben, wenn anderes zerbricht. Hätte ich nicht immer die Supervisionsgruppen gehabt, eine tolle Familie und Freunde, den Sport und die Musik wäre es bestimmt nicht immer so leicht für mich gewesen und ich hätte nicht immer die nötige Energie gehabt anderen Menschen zu helfen.

Aber Jean Paul schreibt auch, dass die Sicherheit und der Schutz des Umfeldes nicht für immer ausreichen. Jeder Mensch kann in Krisen geraten und ich hoffe, dass die meisten es schaffen Mut und Kraft zu finden sich der Krise zu stellen und Hilfe anzunehmen.